Ritter Fürstin Gloria von Thurn und Taxis
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Wider den tierischen Ernst

Eine Fürstin im Narrenkäfig

Seit Gloria Fürstin von Thurn und Taxis bei der Festsitzung des AKV am 19. Januar 2008 in den Narrenkäfig trat, ist sie die vierte Vertreterin des weiblichen Geschlechts, die mit dem Orden Wider den tierischen Ernst geehrt wird.

20 Jahre liegt die Pioniertat des Aachener Karnevalsvereins zurück, als er Professorin Dr. Gertrud Höhler 1988 als erste Frau zur Ordensritterin schlug und sie damit in die Riege der bis dahin 37 ehrenwerten Herren des Konvents aufnahm. Sechs Jahre gingen ins Land, bis die damalige Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages, Renate Schmidt, 1994 zu gleichen Ritterinnenehren gelangte. Weitere vier Jahre mussten vergehen, bis auch Heide Simonis, damals Ministerpräsidentin von Schleswig-Holstein, 1998 als dritte Frau im Bunde den Ritterschlag erhielt.

Nun also rundet sich mit Fürstin Gloria das vierblättrige Kleeblatt ab, das dem Orden Wider den tierischen Ernst bei bisher 57 Verleihungen mit Glanz und Gloria ein neues Image gibt. Das ist es auch, was der AKV anstrebt: bei der Wahl eines Ritters die Ordenskriterien, Humor und Menschlichkeit im Amt, nicht mehr nur bei Politikern zu suchen, sondern ebenso bei interessanten Persönlichkeiten aus allen Gesellschaftsschichten. „Der Wert dieses Kulturpreises muss wieder steigen, zumal es der einzige Preis ist, der gegen und nicht für etwas verliehen wird", meinte dazu AKV-Präsident Horst Wollgarten in einem Zeitungsinterview kurz nach seiner Wahl zum neuen AKV-Präsidenten.

Die Wurzeln der Ordensverleihung reichen in das Jahr 1950 zurück. Helmut A. Crous, damals noch Archivar des AKV, später dann Präsident, hatte als Journalist von einer auffallend menschlichen Entscheidung eines britischen Militärstaatsanwalts namens James Arthur Dugdale erfahren. Ein 29-jähriger Beifahrer aus Stolberg war unter Alkohol stehend bei einer Kneipenrangelei mit einem belgischen Sergeanten aneinander geraten und wurde deshalb von einem britischen Niedergericht zu zwei Monaten Gefängnis verurteilt.

Mr. Dugdale plädierte als Staatsanwalt dafür, dass der Mann von Karnevalssonntag bis Karnevalsdienstag aus der Haft zu entlassen sei, denn seines Wissens sei der „Rosenmontag der höchste Feiertag im Rheinland". Der Richter entsprach dem Antrag. Als Jacques Königstein, damaliger AKV-Präsident davon erfuhr, erklärte er spontan: „Dieser Mr. Dugdale muss einen Orden bekommen". Den erhielt er auch am Karnevalssonntag bei der AKV-Kaffeevisite im Alten Kurhaus, wenngleich es damals nur der AKV-Jahresorden war.

Dafür aber wurde Justitias Diener außerdem mit einem wahren Ordenssegen aller im Saal anwesenden Karnevalvereine und dem Prinzenorden Sr. Tollität Hans III. Achilles überschüttet. Diese Ehrung machte in der englischen Presse Schlagzeilen. Zwei Jahre später amüsierte den AKV Jules von Jouanne, der als damaliger Regierungsrat in der Eulenspiegelstadt Mölln die dort versammelten Finanzminister vor eine festlich gedeckte Tafel geführt hatte, dann aber wieder abräumen und eine schlichte Erbsensuppe servieren ließ. Jouannes Kommentar dazu: „Schleswig-Holstein ist ein armes Land und muss sparen!" Auch er erhielt den AKV-Jahresorden, allerdings bereits mit einer Silberplatte unterlegt.

1953 gründeten der Satiriker Werner Finck und der Karikaturist Mirko Szewczuk die Carl-Friedrich-Flögel-Gesellschaft und erinnerten mit ihr an den Philosophen Flögel, der Ende des 18. Jahrhunderts die „Geschichte des Grotesk-Komischen" geschrieben hatte. „Kampf dem tierischen Ernst, der heute so oft im Alltag der Behörden zu finden ist", schrieb sich die neue Gesellschaft auf die Fahne. Und das war ja auch das Anliegen Königsteins, Griesgram und Muckertum den Kampf anzusagen und diesen durch Ordensverleihungen zu bestärken.

Der Name „Wider den tierischen Ernst" war gefunden, der Grafiker Mano Paulßen schuf den Entwurf und der Juwelier Hein Jaspers kreierte den Orden, der 1954 in einem AKV-Protokollbuch erstmals mit seinem Namen auftauchte. In dieser Form erhielt ihn als Erster der Bundestagsabgeordnete August Dresbach, dem es bei einer durchaus ernsthaften Debattenrede gelungen war, „stürmische Heiterkeit" hervorzurufen.

Der Name aber „Wider den tierischen Ernst" brachte unmittelbar nach dem bekannt werden in der Öffentlichkeit die Tierschützer auf den Plan. „In eigener Sache" machte Jacques Königstein hierüber in einem amüsanten Beitrag im „Ettlinger Ball-Bild" vom 10. November 1967 seinem Herzen Luft. Immer wieder werde er gefragt, was „tierischer Ernst" sei, schrieb Königstein. Eine Antwort schwarz auf weiß sei vielleicht ein empörter Brief eines Tierschutzvereins, der gegen den Ausdruck „tierischer Ernst" protestierte und darin eine Herabsetzung der Tiere, eine „Entwürdigung der wehrlosen Kreatur" sah.

„Das könnte man ‚protestierischen' Ernst nennen", so Königstein. Auch ein nordrhein-westfälischer Zoodirektor hatte sich zu diesem Problem wie folgt geäußert: „Jedes meiner Tiere hat mehr Humor als alle Karnevalisten zusammen!" Welch' ein groteskes Missverständnis - „da lachen ja die Hühner!", konterte der AKV-Präsident, der sich selbst als einen großen Tierfreund bezeichnete, Mitglied und Förderer der einschlägigen Organisationen mit steuerwirksamen Spenden sei.

„Nichts liegt mir ferner als eine Verunglimpfung meiner Freunde, der Tiere", schrieb er. Er wisse aus eigener Beobachtung, dass manche Tiere mit den Augen herzlicher lachen können als manche Menschen „mit dem ganzen, langweiligen Gesicht". Und dann philosophierte Königstein über zwei grundverschiedene Arten des Lachens: die eine Art sei ein Reflex, eine fast unbewusste Reaktion auf etwas Komisches. Die andere aber, das zweite Lachen sei humorvoll, drücke ein Urteil aus und entspringe einem Denkvorgang.

Dass ein solches Lachen dem Tier möglich sei, würden selbst die größten Tiernarren nicht behaupten und schon gar nicht beweisen können. „Tierischer Ernst bezeichnet also einfach die Tatsache, dass dem Tier die Fähigkeit abgeht, den Humor einer Situation zu empfinden und wie ein Mensch zu reagieren", schlussfolgerte Königstein unter Berufung auf Honoré Balzac, der in seinen „Tolldreisten Geschichten" schrieb: „Das Lachen ist ein Privileg des Menschen, welches ihn vom Tier unterscheidet".

Jutta Katsaitis-Schmitz