Die Geschichte des Ordens WIDER DEN TIERISCHEN ERNST

Humor und Menschlichkeit im Amt sind die Kriterien, die einen Ordensritter „Wider den tierischen Ernst“ auszeichnen. Und wer diesen närrischen Kulturpreis einmal erhalten hat, ist verpflichtet, sich auch in Zukunft als Mensch mit Herz und Humor zu beweisen.

Angefangen hatte alles 1950. Helmut A. Crous, damals noch Archivar des AKV, 2 x 11 Jahre später dann Präsident, hatte von einem auffallend menschlichen Verhalten eines britischen Militärstaatsanwalts namens James Arthur Dugdale erfahren. Ein Stolberger, der unter Alkohol mit einem belgischen Besatzungssoldaten aneinandergeraten war, war von einem britischen Niedergericht zu zwei Monaten Gefängnis verurteilt worden. Der Richter fügte aber seinem Urteilsspruch hinzu, dass der Mann von Karnevalssonntag bis Karnevalsdienstag aus der Haft zu entlassen sei. So hatte es Mister Dugdale als Staatsanwalt beantragt, denn seines Wissens sei „der Rosenmontag der höchste Feiertag im Rheinland“. Als Crous von dieser Haftverschonung in der Presse berichtete, erklärte der damalige AKV-Präsident Jacques Königstein spontan: „Dieser Mann muss einen Orden bekommen!“ Und so geschah es auch bei der AKV-Kaffeevisite im Alten Kurhaus. Es war damals jedoch nur der Jahresorden des AKV.

Zwei Jahre später wurde Jules von Jouanne der nächste Ordensritter. Als damaliger Regierungsrat hatte er in der Eulenspiegelstadt Mölln die dort versammelten deutschen Finanzminister vor eine festlich gedeckte Tafel geführt, dann aber wieder abräumen und eine schlichte Erbsensuppe servieren lassen. Sein Kommentar dazu: „Schleswig Holstein ist ein armes Land und muss sparen!“ Auch er erhielt den Jahresorden, jetzt aber bereits mit einer Silberplatte unterlegt.

Zur heutigen Form als Silberschild mit dem Narrenkäfig kam es 1953. Der Satiriker Werner Finck und der Karikaturist Mirko Szewczuk hatten die Carl-Friedrich-Flögel-Gesellschaft gegründet, die an den Philosophen Flögel erinnerte, der Ende des 18. Jahrhunderts die „Geschichte des Grotesk--Komischen“ geschrieben hatte.

„Kampf dem tierischen Ernst, der heute so oft im Alltag – auch im Alltag der Behörden – zu finden ist“, begründeten die beiden Gründerväter die Aufgabe dieser Gesellschaft.

Das war in alter AKV-Tradition auch das Anliegen von Jacques Königstein, „Muckertum und Griesgram“ den Kampf anzusagen. Und so sollte durch Ordensverleihungen der Kampf wider den tierischen Ernst forciert werden. Der Name des Ordens war gefunden, den Entwurf schuf der Grafiker Manö Paulßen, der Juwelier Hein Jaspers kreierte ihn. 1955 war es der Bundestagsabgeordnete August Dresbach, der ihn in dieser Form als Erster erhielt. Ihm war es laut Protokoll gelungen, bei einer durchaus ernsthaften Debattenred-e 46 Mal „Heiterkeit“, ja sogar „stürmische Heiterkeit“ auszulösen.

Immer waren es Bonmots und Zivilcourage, mit denen die gekürten Ordensritter auf sich aufmerksam gemacht hatten. Beim Vizepräsidenten des Deutschen Bundestages Max Becke-r war es sogar ein „Bonnmot“ für das er 1957 den Ritterschlag erhielt. Bei der Begrüßung einer österreichischen Delegation im Bundestag hatte er erklärt: „Wir haben hier in Bonn noch keine bleibende Stätte, denn diese vorläufige Bundeshauptstadt gleicht einem großen Campingplatz an den Ufern des Rheins, bevölkert von einer Regierungskarawane, die der eigentlichen Hauptstadt Berlin zustrebt“. Zwar reagierte der Ältestenrat im Bundestag damals „säuerlich“. Doch wie recht sollte Max Becker behalten! Als Prototyp eines Ritters Wider den tierischen Ernst gilt

Konrad Adenauer, der den Orden 1959 erhielt. Bei ihm war es nicht nur ein Bonmot, sondern ein ausgeschüttetes Füllhorn voller Bonmots. Täglich versprühte der Altmeister politischer Satire seinen rheinischen Humor über das Parlament und das Volk.

Wegen seiner Maxime: „Karneval ist für die Deutschen heilsam, weil sie den Behörden etwas am Zeuge flicken und durch Lachen den zum Teil vorhandenen Untertanengeist mildern können“, wurde Professor Henry Chauchoy, Inspecteur d’Académie in Amiens und espritvoller Büttenredner in Mainz, 1963 Ordensritter.

Bundestagspräsident Richard Stücklen, der 1980 ausgezeichnet wurde, lag auf gleicher Linie. Bei seiner Antrittsrede im Bundestag empfahl er mehr Humor in politischen Debatten. Nahtlos reiht sich die Forderung des 56. Ritters „Wider den tierischen Ernst“, Friedrich Merz, „Steuererklärungen künftig auf Bierdeckeln zu deklarieren“ in die Riege der treffenden, teils satirischen, teils unerwartet mitmenschlichen Zitate der Stammväter unter den Ordensrittern ein. Neun Ordensritter nahmen am 11. Februar 2006 an der AKV-Festsitzung teil, bei der Friedrich Merz den Ritterschlag erhielt.

Constantin von Heereman, gerade zum Kanzler des Ordenskonvents wiedergewählt, war 1976 Ordensritter geworden, weil er sein damaliges Amt als Präsident des Deutschen Bauernverbandes stets mit Witz, Humor und Schlagfertigkeit ausübte. Wegen seines nie versiegenden Humors und als Dienstherr des nicht real existierenden „Ministerialdirigenten Edmund Draeker“, dessen Kapriolen das Auswärtige Amt noch lange in Atem hielten, erhielt der als verschmitzt bekannte, damalige Außenminister Hans-Dietrich Genscher 1979 den Orden. In Zeiten von Steuerreform, Sparpaketen und Erfüllung der Maastrichter Konvergenzkriterien bewies der damalige Bundesfinanzminister Theo Waigel unerschütterlichen Humor und Schlagfertigkeit. Als „Raubritter Theodor mit der Lizenz zum Aus-säckeln“ machte er 1997 im Narrenkäfig sogar internationale Schlagzeilen. „Mister 18 Prozent“, Guido Westerwelle, präsentierte sich 2001 als Fitnessfreak im Narrenkäfig. Dabei bewährte er sich einmal mehr in der ihm eigenen, olympiareifen Disziplin, dem Wortwitz. Längst ist der Orden „Wider den tierischen Ernst“ zu einem anerkannten und begehrten Kulturpreis geworden, wird er doch offiziell im „Handbuch der Kulturpreise“, herausgegeben vom Bundesministeriums des Inneren, mit aufgeführt. 

Die Ordensritter und der AKV verdanken Professor Carlo Schmid, einem der Väter unseres Grundgesetzes, der 1958 den Ritterschlag erhielt, dass ein Ordenskonvent mit kuriosen Ordens-regeln gebildet wurde.

Hinzu kommt eine Urkunde über die Konventsmitgliedschaft, die auf Carlo Schmids Wunsch in lateinischer Sprache abgefasst ist. Die Übersetzung hatte damals Domkapitular Prälat Professor Dr. Erich Stephany vorgenommen. Anlässlich des Jubiläums „50 Jahre Orden Wider den tierischen Ernst“ wurde ein Silberschild-Sonderorden herausgegeben, der nur in einer begrenzten Auflage von 250 Exemplaren angefertigt und an verdiente Personen verliehen wurde.

Es war eine Pioniertat des AKV, als er 1988 Professorin Dr. Gertrud Höhler als erste Frau in die Riege der bis dahin 37 ehrenwerten Herren des Konvents aufnahm. Weitere sechs Jahre dauerte es, bis die damalige Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages, Renate Schmidt, 1994 zu gleichen Ritterinnenehren gelangte. Und wieder mussten vier Jahre vergehen, bis 1998 auch Heide Simonis, damals Ministerpräsidentin von Schleswig-Holstein, als dritte Frau den Ritterinnenschlag erhielt. 2008 kam Gloria Fürstin von Thurn und Taxis zu gleichen Ehren, wie auch zuletzt 2015 die Saarländische Ministerpräsidentin Anne-gret Kramp--Karrenbauer, hochachtungsvoll „Madame Annegret“ genannt. Bei der 67. Ordensverleihung hält sie 2016 die Laudatio auf Dr. Markus Söder, Bayerischer Staatsminister für Finanzen, Landesentwicklung und Heimat.(tis)

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